Was ist eigentlich "Borderline"?

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Was ist eigentlich "Borderline"?

Ungelesener Beitrag von wasserringe.net » Sa 5. Jan 2008, 21:12

Was ist eigentlich "Borderline"?

Auf meiner Homepage habe ich, Lena, geschrieben:
Es gibt zahlreiche Internetseiten, die Informationen zum Krankheitsbild selbst, zur Symptomatik, zu den Ursachen, zu den Manifestationen, zu den Therapiemöglichkeiten ... in Hülle und Fülle liefern.

Auf diesen Seiten verzichte ich deshalb ganz bewusst darauf, solche umfangreichen Informationen meinerseits zum Lesen bereitzustellen. Man muss, wie man so sagt, das Rad tatsächlich nicht neu erfinden.



Im Internet fand ich einen Bericht, der so aussagekräftig ist, dass ich ihn gerne hier einstellen möchte. Und - wozu muss man genau solch einen Text gar "um"formulieren, um diesen bzw. einen ganz ähnlichen Text dann womöglich als "seinen eigenen" auszugeben? - Nein, dieser Text ist so, wie er ist, nahezu perfekt. Denn das ist es, was uns Wasserringe hier beschäftigt, was uns miteinander verbindet und was der Inhalt dieser Seiten und unserer Seelen hier ist:

Chaos und Leere - Borderline?


Der Begriff „Borderline“ taucht in den letzten Jahren immer häufiger auf. Er bedeutet Grenzlinie, gemeint ist die Grenze zwischen Neurose und Psychose.

Neurosen sind z.B. Depressionen, Ängste oder Zwänge. Wir alle sind mehr oder weniger „neurotisch“. Solange sich der Leidensdruck in Grenzen hält und wir unser Alltagsleben gut im Griff haben, sind unsere „Neurosen“ keine Krankheit und auch nicht behandlungsbedürftig.

Bei einer Psychose handelt es sich im Gegensatz dazu um eine schwere psychische Erkrankung, die behandelt werden muss. Ein psychotisch gewordener Patient hat Probleme damit, die Realität wahrzunehmen. Er hört z.B. Stimmen, hat irrreale Erscheinungen oder ist davon überzeugt, eine berühmte Person zu sein.

Ein Borderline-Patient kann die Realität vom Irrealen eindeutig unterscheiden, er kann i.d.R. klar denken; jedoch herrscht bei ihm oft Gefühlschaos. Der seelische Druck kann ein derart bedrohliches Ausmaß annehmen, dass es zu Selbst- oder Fremdgefährdung kommt. Dann ist nicht selten eine Behandlung in einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik erforderlich.

Grundsätzlich fehlt Borderlinern Selbstidentität, d.h. er ist sich seiner Gefühle nicht sicher, schlüpft gern in verschiedene Rollen, kann abwechselnd angepasst und brav oder plötzlich und ohne ersichtlichen Grund laut und aggressiv sein. Soziale Beziehungen sind meistens schwierig, chaotisch, voller Unsicherheit und gerade deswegen auch voller Leidenschaft.

Menschen mit Borderline-Symptomen sehnen sich nach Nähe und haben gleichzeitig panische Angst davor. Wird die Intimität zu groß, ergreifen sie die Flucht - entweder in den inneren Rückzug oder nach außen, indem sie die Beziehung beenden und sich bald in die nächste stürzen. Andere werden idealisiert oder völlig entwertet - es gibt nur Freund oder Feind. In der Idealisierung wird Positives überbewertet, Negatives nicht wahrgenommen. Dahinter verbirgt sich das Bedürfnis, das eigene Selbst zu vervollständigen, Ängste zu überwinden. In der Idealisierung liegt bereits die Entwertung, denn niemand entspricht wirklich dem Ideal. Niemand kann nur gut sein. Über kurz oder lang zerbricht das ideale Bild; aus dem einst „Angehimmelten“ wird ein „Verräter“. Aus weiß wird schwarz, es gibt kein grau.

Jeder von uns kennt das Gefühl von Einsamkeit, innerer Unruhe und Langeweile oder Leere. Bei Patienten mit Borderline sind all diese Gefühle viel stärker und stürmischer. Diese emotionalen Schmerzen sind oft schlimmer als körperliche Schmerzen, deshalb verletzen sich viele Patienten selbst und empfinden dabei Erleichterung. So werden intensive Gefühle von Einsamkeit, die Angst, verlassen zu werden und starke innere Spannungen und Unruhe durch selbstverletzende Handlungen, wie z.B. das Ritzen der Unterarme oder das Schlagen des Kopfes gegen die Wand neutralisiert. Mit dem Nachlassen des körperlichen Schmerzes schwindet auch der seelische Schmerz. In diesem Zustand spaltet der Betreffende Körper und Seele (der sog. Abspaltungsmechanismus). Um den Körper wieder zu fühlen, wird ein Schmerz produziert. Das Chaos im Kopf macht logisches und klares Denken unmöglich, es besteht ein eher trance-ähnliches Gefühl, die Realität ist ausgeschlossen. Die Konsequenzen werden nicht mehr bedacht. Ein derartiger „dissoziativer Zustand“ kann auch bedeuten, dass ein bestimmter Körperteil nicht mehr gespürt und als zugehörig empfunden wird. Durch das Zufügen eines Schmerzes wird der Teil wieder integriert.

Der Abspaltungsmechanismus ist in der Kindheit überlebenswichtig. Wird ein Kind sexuell missbraucht, so bewältigt es diesen Schmerz damit, Seele und Körper voneinander abzuspalten. Der Körper wird nicht wahrgenommen, es ist als gehöre er nicht dazu. In den Gedanken ist das Kind nicht bei der Sache, es will und kann nicht verstehen, was passiert. Diese Bewältigungsstrategie ist sinnvoll und trägt dazu bei, die Situation erträglicher zu machen, zu überleben. Kommt es jedoch im Erwachsenenleben zu einem ähnlichen inneren Druck, so wird die einmal gelernte Bewältigungsstrategie automatisch wieder eingesetzt, selbst dann, wenn sie sich jetzt als destruktiv herausgestellt hat. Es ist wie ein Reflex geworden.

Extrem schwankende Gefühle, Impulsivität, Unberechenbarkeit, Aggressionen und Selbstverletzungen sind für Angehörige und Außenstehende natürlich völlig unverständlich, bedrohlich und angsterregend. Sie reagieren mit Vorwürfen, Misstrauen oder Rückzug. Viele Freundschaften und Partnerschaften gehen in die Brüche. Die Angst des „Borderliners“ vor dem Verlassenwerden wird damit bestätigt und weiter gefestigt.

Obwohl viele Borderliner außergewöhnliche Leistungen erbringen und gerade wegen ihrer überstandenen Krisen besonders kreativ sein können, haben sie leicht Probleme am Arbeitsplatz. Die Zusammenarbeit mit Kollegen, Vorgesetzten oder Mitarbeitern gestaltet sich auch hier als schwierig. Impulsivität und Unberechenbarkeit werden im Arbeitsleben meist nicht gut vertragen. Häufiger Wechsel der Arbeitsstelle kann sich bis zu einem gewissen Grad günstig auswirken, bedeutet schließlich auch vielseitige Berufserfahrung. Mit zunehmendem Alter wird es jedoch mühsamer immer wieder eine neue Stelle zu finden, die häufigen Wechsel werden als Sprunghaftigkeit gedeutet, die Zuverlässigkeit des Bewerbers wird in Frage gestellt.

So verläuft das Leben eines Borderliners oft genauso wie seine Symptome: stürmisch, mit Höhen und Tiefen, unvorhersagbar, anstrengend, intensiv, bunt, abwechslungsreich und voller Abenteuer. Die Diagnose Borderline bedeutet aber auch immer ein Leben voller Krisen und Leiden. Manchmal wird versucht, mit Alkohol und Drogen den Leidensdruck zu mindern - ein fataler Teufelskreis. Exzesse, Süchte, Ängste, Aggressionen und Depressionen wechseln sich ab, jagen sich gegenseitig, nacheinander oder gleichzeitig.

In der Psychotherapie erarbeiten Patient und Therapeut gemeinsam ein individuelles Therapiekonzept. Kurz- mittel- und langfristige Ziele werden gemeinsam erarbeitet. Ein wichtiges Ziel in der Behandlung ist es zunächst, Einsicht in die Unproduktivität des Verhaltens zu entwickeln. Die Wahrnehmung der Welt als weniger bedrohlich und weniger geheimnisvoll ist Voraussetzung für die nächsten therapeutischen Schritte. Dabei geht es darum, alte Muster und Einstellungen aufzuarbeiten und neue Möglichkeiten zu entwickeln, um mit den Belastungen des Lebens besser fertig zu werden. Die schwarz-weiße Sichtweise des Borderliners, die immer wieder zu Enttäuschungen führt, wird in Frage gestellt. Grautöne treten an die Stelle, mal hellgrau, mal dunkelgrau, selten nur schwarz oder weiß.

Wie bei jeder anderen Psychotherapie ist auch hierbei die Beziehung zwischen Patient und Therapeut die Basis für eine erfolgreiche Behandlung. Diese Beziehung bietet die Chance, Vertrauen aufzubauen und emotionale Intimität zu ermöglichen, wie in keiner anderen Beziehung. Nur hier erlaubt von Anfang an das eindeutige therapeutische Setting, wie z.B. die Schweigepflicht des Therapeuten, die Abstinenzregel, die feste Anzahl von Sitzungen in abgestimmter Frequenz, genügend Schutz und Freiraum, um Nähe überhaupt zu üben und in den vorgegebenen Grenzen zuzulassen. Der Therapieraum ist ein sicherer Ort zum Erproben von Beziehung, zum Entwirren und Entfalten. Die bedingungslose Annahme des Patienten, die Wertschätzung und Anerkennung des Therapeuten führen zur Stabilisierung seines Ichgefühls. Der Patient lernt, zu vertrauen und kann sein Vertrauen auch auf andere ausweiten.

Ziel des Therapeuten ist es, den Patienten von sich unabhängig zu machen und ihn für seine Beziehungen zu Hause besser „auszubilden“. Eine gelungene Therapie, die nicht selten mehrere Jahre andauert, reduziert die Heftigkeit und Häufigkeit der schädlichen Attacken. Destruktive Verhaltensweisen werden abgemildert, Dramatik und Intensität der Impulsivität, der Stimmungsschwankungen und des selbstzerstörerischen Verhaltens lassen deutlich nach. Die liebenswerten Seiten des „Borderliners“ treten deutlicher hervor, Vertrauen kann wachsen, Beziehungen werden stabiler, Liebe kann geschenkt und angenommen werden.

kh

Quelle: http://www.p-portal.de/psytec/articles/content/403 © psytec 2003-2007


Liebe Grüsse


~ Lena ~ (für das Wasserringe ~ Net)

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